Versuchskaninchen auf 15,7 ha Freilandhaltung

 

 

Versuchskaninchen –
auf 15,7 ha Freilandhaltung

 

Man möchte meinen, die Anzeiger-Redaktion hätte es sich zur Aufgabe gemacht, auf Teufel komm raus den Aphorismus des letzten exit-Beitrags zu verifizieren, wo er Lokalberichterstattung als redaktionelle Nacherzählstückchen von archiv-, kenntnis- und recherchebefreiten Lehrmädchen insinuiert.

In der heutigen Printausgabe des Anzeigers für Harlingerland wird die Titelseite von einem Foto aus einem Trecker-Porno über dem Aufsatz der Schreibkraft Sabrina Holthaus dominiert, die darin eine Besonderheit und bemerkenswerte Innovation erkennen will und preist.

 

Deren Wahrnehmung geht wohl zurück auf die städtische Bauausschußsitzung vom 23.02.2026, der sie als „Presse“ zwar beigewohnt, aber nix zu schreiben dabeihatte, weshalb sie zum Sitzungsverlauf allenfalls gelegentlich ihr Handy wischte. Vielleicht hatte sie Mitschnitt und automatische Untertitel aktiviert …

Allerdings mit Abschluß des Tagesordnungspunktes 5, nämlich „Interkommunaler Agri-Solarpark Esens-Stedesdorf“ sicherte sie sich die Visitenkarten der beiden Vorhabenträger, nachdem diese ihre Präsentation zu Ende gebracht hatten.

 

Aber weder fanden die Projektvorstellung, noch die vorgelegte Konzeption, noch die eigentliche Aufführung, noch der Verlauf der politischen Diskussion, Bewertung und Abstimmung ihren Eingang in die Berichterstattung.
Stattdessen gelangte auf die Anzeiger-Titelseite eine Homestory des Projektbetreibers als dessen Art Presserklärung, die unter dem Qualitätsanspruch eines Schülerzeitungsprojekts erschien – Sabrina hatte die Visitenkarten eingelöst!

 

Dieses skurrile Erzählmuster aus der redaktionellen Kinderstube des Anzeigers scheint sich zu verstetigen, war solches bereits bei der gescheiterten Berichterstattung zur Tiny-Haus-Siedlung Taddigsweg Bensersiel festzustellen: Da wurde von den gravierenden Widersprüchen aus den eigentlichen Ausschußsitzungen spärlich erzählt, hingegen vonseiten des Vorhabenträgers konnten umfassende Stellungnahmen plaziert werden, obwohl dies im politischen Gremium gar nicht thematisiert war.

Dieses Reportage-Muster mutet an, als möchte die „Zeitung“ dem jeweiligen Projektbetreiber ermöglichen, die beschlußfassenden Lokalpolitiker vor sich herzutreiben sowie Lesermeinung nach redaktionellem Geschmack und Verständnishorizont zu kneten.

So publiziert der Mit-Vorhabenträger und -Investor Benedikt Nickel via Anzeiger-Sabrina-Holthaus: „Idealerweise wäre das Genehmigungsverfahren Ende diese Jahres abgeschlossen, sodass Anfang nächsten Jahres mit bauvorbereitenden Maßnahmen begonnen werden könnten.“

 

Dazu verweisen die beiden, Sabrina und Benedikt, als Referenz-Anlage auf die nächstgelegene in Dörverden im Landkreis Verden, verschweigen jedoch, daß dies bloß ein Forschungsvorhaben als Versuchsfeld von 1 ha (!) darstellt. Dort soll in diesem Jahr ausprobiert werden, ob’s überhaupt mit der ackerbaulichen Parallelnutzung klappt und der Verheißung der hübschen Mähdrescher-Filmchen annähernd zu entsprechen vermag.
Bezuschußt wird die dortige Nummer mit 400.000 € aus dem Hause des Grünen Ministers Meyer, („Sonne & Wind statt Gas & Diktatoren“), also gewiß mit gutem Grunde aus dem Propaganda-Etat.

 

Wer die Lektüre der dem Esenser Bauausschuß vorgelegten aufgepumpten Projektkonzeption rezeptiv durchhält, könnte zu der Überzeugung gelangen, daß die Esenser und Stedesdorfer als Versuchskaninchen der bislang unterschlagenen Nebenwirkungen gelten dürfen – und die Ratsmitglieder als Versuchskaninchen einer professionellen Investmentstrategie, die Dorfpolitik mit rund 100-seitiger Wiederholungszermürbung zu überfordern, die sowieso bis zu Ende durchzulesen keiner von denen sich zumutet.

 

Zwischenzeitlich aber sammelt der Investor und Vorhabenträger schon mal Kapital, nicht ohne den wichtigen Hinweis:

Der Erwerb dieser Vermögensanlage ist mit erheblichen Risiken verbunden und kann zum vollständigen Verlust des eingesetzten Vermögens führen.

 

 

Die oben bezeichneten Nebenwirkungen werden im Zuge der Würdigung der Projektkonzeption und des Verlaufs der Bauausschußsitzung an dieser Stelle alsbald noch ausführlich dargestellt und beleuchtet.

 

 

 

 

… von seinerzeit:

 

 

Windkraft-Bürgerbefragung / 10 Fragen / Nachtrag

Windkraft-
Bürger-
befragung

 

Die 10 wichtigsten Fragen

 

 

Exakt zum Jahresbeginn 2023 wurde an dieser Stelle thematisiert, daß die Samtgemeinde Esens das Beteiligungsinstrument Bürgerbefragung im Zusammenhang zur Ausweisung weiterer Windkraft-Potenzialflächen erneut zur Anwendung zu bringen versprach.

Und nun fügt es sich gar wunderbar, daß wiederum zum Jahresbeginn 2024 der erste Aufsatz hier sich abermals mit der Thematik befassen soll.

 

Ja, es hatte 2016 eine Bürgerbefragung mit unmißverständlichem, nämlich ablehnendem Ergebnis dazu gegeben und die Politakteure im Schulterschluß mit der Verwaltungsspitze der Samtgemeinde wollten nun des Bürgers aufkommendes Geraune, das alte Ergebnis werde jetzt gewiß in die Tonne gekloppt, so nicht auf sich sitzen lassen und avisierten, dem gewandelten Zeitgeist gehorsam vorauseilend, eine erneute Befragung.

 

Deren Beschaffenheit, so die flankierende „Anzeiger“-Propaganda, werde aber diesmal erheblich komplexer ausfallen, um der Mündigkeit und dem Differenzierungsvermögen der Bürger so lange Rechnung zu tragen, bis ein gesichertes Befragungsergebnis auch die erwünschten Windkraftprojekt-Beteiligungsformen ermöglicht.
Dazu „verrät Hinrichs, dass die Bürgerinnen und Bürger angeben können, unter welchen Voraussetzungen sie zustimmen würden“, munkelt der Anzeiger für Harlingerland vom 09.12.2023, und weiter: „Wie die Fragen genau aussehen, das sollen [sie] schon in wenigen Wochen erfahren.“

 

Denn was schon sollte schlecht daran sein, kompetent und bürgernah etwaigen „unsäglichen“ Unkenrufen der Zweifler und Partizipationsleugner entgegenzutreten, so daß in der Folge eine parteiübergreifende Arbeitsgruppe unter sachkundiger Federführung der SG-Verwaltung gebildet wurde.
Diese hatte alsdann den ersten Entwurf einer Beteiligungsstruktur mit Leitfragen zur neuen Bürgerbefragung erarbeitet und vorgelegt, der in der nichtöffentlichen Sitzung des Samtgemeindeausschusses am 25.01.2024 zur Beratung und Beschlußfassung ansteht.

 

Anders als sonst und zur spitzbübischen Freude politisch Interessierter aber hat diesmal die Verwaltungsvorlage mit Beschlußempfehlung vorab aus dem Dunkel der Nichtöffentlichkeit einen Pfad ins Licht gefunden, so daß die 10 Kardinalfragen der geplanten Bürgerbefragung hier schon mal gern und pflichtgemäß der geneigten Leserschaft zugänglich gemacht werden können:

pdf Bürgerbefragung Samtgemeinde (Verwaltungs-/Beschlußvorlage)

Damit bleibt spannend und abzuwarten, was mit der „Gesellschaft für Energie in der Samtgemeinde Esens“ noch so alles möglich wird.

 

Nachtrag / Ergänzung
Auch die Samtgemeinde hat bemerkt und weist darauf hin, daß die Sitzungsvorlage eine „Fälschung“ sei! Und zwar „Urkundenfälschung“ sowie „eine verbotene Handlung“.
Bezüglich der Grenze zwischen Satire/Verspottung und Straftatsbestand gibt es je nach Humorkultur verschiedene Meinungen, die im demokratisch verfaßten Gemeinwesen nebeneinander bestehen.
Der guten Ordnung halber werden sie hier dokumentiert.