BIFI
und das
Innenstadtproblem

Als Marx in Ergänzung zu Hegel feststellen mußte, daß Geschichte sich wiederholt – das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce – hätte gewiß niemand gedacht, daß sich dies dereinst an Esenser Verhältnissen verifizieren würde.
Und als seinerzeit die BiFi auf den Markt trat, hätte gewiß niemand gedacht, daß 55 Jahre später solches sich wiederholt und abermals eine BiFi auf den Markt tritt, und das ausgerechnet in Esens.
Was also 1972 als Hosentaschenwürstchen (Minisalami) daherkam, sollte für die heutige Zeit -history, history- gerade beliebt und tauglich genug sein, ebfls. auf den Esenser Markt zu treten, um unter dem gleichnamigen Kürzel BIFI ein gewisses Innenstadtproblem zu thematisieren.
BIFI bedeutet hier nun „BürgerInitiative Freundliche Innenstadt“ und hatte sich für die letzte Anzeiger-Berichterstattung noch als „ArbeitsKreis Freundliche Innenstadt“ vorgestellt, aber zwischenzeitlich umetikettiert, weil „AKaFI“ wohl gefährlich nahe dem Gaddafi ins Ostfriesenohr hätte verlauten können, und „AKreiFI“ aggressiv klingt, siehe Hass&Hetze.
Gleichwohl bleibt aber auch das Hosentaschenwürstchen durch den Aufkleber „Bürgerinitiative“ ein ausgemachter Etikettenschwindel, sei es aus taktischer Überlegung oder aber, weil die Aktivisten mit der Semantik in der deutschen Sprache ohnehin auf Kriegsfuß stehen.
Denn eine „Bürgerinitiative“ erwächst in der Regel dort, wo die Politik zu kurz greift und die Bedürfnisse der Bevölkerung verkennt oder ignoriert. Dann formiert sich – gewissermaßen als Fachleute ihrer Lebenszusammenhänge – aus der Einwohnerschaft heraus eine Initiative, die sich mit einem klar definierten Sachproblem an die Politik richtet.
Diesem ganz speziellen Esenser Konstrukt BIFI aber stehen links: der Grüne Ratsherr und Fraktionssprecher Martin Mammen, rechts: der Ratsherr Volker Wieting der sog. Esenser BürgerInitiative EBI (abermals so’n kranker Etikettenschwindel!) und in der Mitte: der Grünen-Vorständler Eberhard Hoffmann mit Prof. Jan Stielike – vor, beziehungsweise als zwei Enden des Hosentaschenwürstchens da.
Daß jegliche Basis-Initiative just in dem Moment kastriert ist, wenn Politik sich an deren Spitze setzt bzw. gar von dieser initiiert wurde, gilt nicht nur landes- und bundespolitisch, sondern auch und vor allem vor Ort.
Dazu studiere man nur das Lehrstück, wie reibungslos die sog. BürgerInitiative Dunum-Stedesdorf-Moorweg zum Abstellgleis für einst berechtigten Widerstand gegen skandalöse OOWV-Abwasserpolitik und zum Instrument der Volksverdummung wurde, um in stille Bedeutungslosigkeit geführt zu werden.
Darüberhinaus aber krankt die Esenser BIFI auch an der Unfähigkeit, ein klar definiertes Sachproblem -s.o.- zu definieren, demzufolge eben auch die profilierte Zielansprache fehlt.
Weil die Esenser Politik überaus bestrebt ist, in ihrer Konsenssuppe zu schwimmen, gibt es keinen Ort, wo Dissens überhaupt thematisiert, geschweige denn öffentlich ausgetragen wird. Schon das Beschweigen der Widersprüchlichkeit von Meinungen und Interessen dient hier jener Einmütigkeit, die jeglicher urbanen Entwicklung im Weg steht und ist nichts weiter als politische Faulheit, Verantwortungsflucht und verhuschte Hinterlist.
Lauwarmen Politcharakteren ist nichts peinlich und kommt es wohl nur zupass, daß Oldenburger Studenten, also ferne Lehrlinge, Gedanken freizusetzen üben, die den Esenser Einwohnern als den eigentlichen Experten ihrer Lebenszusammenhänge von der Politik offenbar abgesprochen werden – sonst gäb’s ja eine Bürgerbefragung.
Was also die politischen Konsensbader in vielen Jahren nicht geschafft haben, nämlich eine solide, gesicherte Fußgängerzone Marktplatz / Herdestraße zu installieren, das richten sie nun als Wunschzettel an die geringsten ihrer Brüder, nämlich an solche, die’s gerade zu lernen beginnen und feiern auch noch sich selber und bereits die Bekanntgabe (nicht etwa die Fertigstellung!) der Hausaufgabe mit einem Empfang im Ahnensaal – gewissermaßen werden hier bei der Einschulung schon die Doktorhüte hochgeworfen.
„Freundliche Innenstadt“, welch butterweicher Unsinn!
Freundlich mag allenfalls das Personal der Lokalitäten sein, aber das läßt sich weder politisch noch bürgerinitiativ herstellen.
„Freundlich“ ist hier als personifiziertes Quartiersmerkmal ein Peinlichkeitskunstgriff, weil sie „absolute Fußgängerzone“, „fahrrad- u. abgasfrei“ nicht sagen, geschweige denn vehement fordern mögen, da die Formel als strukturelle Gewalt die woke Konsensbrühe von SPD, CDU, Grünen, EBI, Kneipen, Buchhandel, Schuhladen, Elektroladen und ja: Volksbank! eintrüben würde.
Stattdessen soll hilfsweise die politische Mut-, Ziel- und Gedankenlosigkeit eines einst grünen Arbeitskreises, der nunmehr zur Bürgerinitiative aufgepumpt ist, mit akademischer Reputation bemäntelt werden.
Besser noch: Studenten sollen jene „Ideen entwickeln“, bei denen die unzureichende Kognitionsleistung der örtlich Zuständigen über die bloße Wahlkampfverheißung „innerstädtische Verweilqualität“ nicht hinausgekommmen ist.
Auch füllt es die Zeitungsseiten und politischen Tagesordnungen, wenn die Übungsaufgaben der zahlreichen, zweifellos interessanten Fachbereiche der Uni Oldenburg jeweils in Esens mit Rathausempfang und Stadtführung ausgeteilt werden.
So ist dies also weniger eine Frage der Esenser Quartiersentwicklung als vielmehr der psychologischen Beschaffenheit und des Selbstverständnisses der Politdarsteller.
Näherliegend wäre doch die Aufgabenstellung für Studenten der medizinischen Fakultät der Uni Oldenburg, Fb Neuroscience, im Zuge derer z.B. eine öffentliche Familienaufstellung aus Ratsparteien, AEU, Stadtmanager und BIFI weiteren Aufschluß versprechen könnte.
Man sollte das gem. § 34 NKomVG anregen.
Und über den Serviervorschlag des Anzeigers vom 23. Oktober zu diesem Rührstück aus Politik-, AEU-, Stadtmanageraufgaben wird hier im folgenden noch zu reden sein.
