Versuchskaninchen auf 19,4 ha Freilandhaltung

 

 

Versuchskaninchen –
auf 19,4 ha Freilandhaltung

 

Man möchte meinen, die Anzeiger-Redaktion hätte es sich zur Aufgabe gemacht, auf Teufel komm raus den Aphorismus des letzten exit-Beitrags zu verifizieren, wo er Lokalberichterstattung als redaktionelle Nacherzählstückchen von archiv-, kenntnis- und recherchebefreiten Lehrmädchen insinuiert.

In der heutigen Printausgabe des Anzeigers für Harlingerland wird die Titelseite von einem Foto aus einem Trecker-Porno über dem Aufsatz der Schreibkraft Sabrina Holthaus dominiert, die darin eine Besonderheit und bemerkenswerte Innovation erkennen will und preist.

 

Deren Wahrnehmung geht wohl zurück auf die städtische Bauausschußsitzung vom 23.02.2026, der sie als „Presse“ zwar beigewohnt, aber nix zu schreiben dabeihatte, weshalb sie zum Sitzungsverlauf allenfalls gelegentlich ihr Handy wischte. Vielleicht hatte sie Mitschnitt und automatische Untertitel aktiviert …

Allerdings mit Abschluß des Tagesordnungspunktes 5, nämlich „Interkommunaler Agri-Solarpark Esens-Stedesdorf“ sicherte sie sich die Visitenkarten der beiden Vorhabenträger, nachdem diese ihre Präsentation zu Ende gebracht hatten.

 

Aber weder fanden die Projektvorstellung, noch die vorgelegte Konzeption, noch die eigentliche Aufführung, noch der Verlauf der politischen Diskussion, Bewertung und Abstimmung ihren Eingang in die Berichterstattung.
Stattdessen gelangte auf die Anzeiger-Titelseite eine Homestory des Projektbetreibers als dessen Art Presserklärung, die unter dem Qualitätsanspruch eines Schülerzeitungsprojekts erschien – Sabrina hatte die Visitenkarten eingelöst!

 

Dieses skurrile Erzählmuster aus der redaktionellen Kinderstube des Anzeigers scheint sich zu verstetigen, war solches bereits bei der gescheiterten Berichterstattung zur Tiny-Haus-Siedlung Taddigsweg Bensersiel festzustellen: Da wurde von den gravierenden Widersprüchen aus den eigentlichen Ausschußsitzungen spärlich erzählt, hingegen vonseiten des Vorhabenträgers konnten umfassende Stellungnahmen plaziert werden, obwohl dies im politischen Gremium gar nicht thematisiert war.

Dieses Reportage-Muster mutet an, als möchte die „Zeitung“ dem jeweiligen Projektbetreiber ermöglichen, die beschlußfassenden Lokalpolitiker vor sich herzutreiben sowie Lesermeinung nach redaktionellem Geschmack und Verständnishorizont zu kneten.

So publiziert der Vorhabenträger und Investor Nickel via AfH-Sabrina-Holthaus: „Idealerweise wäre das Genehmigungsverfahren Ende diese Jahres abgeschlossen, sodass Anfang nächsten Jahres mit bauvorbereitenden Maßnahmen begonnen werden könnten.“

 

Dazu verweisen die beiden als Referenz-Anlage auf die nächstgelegene in Dörverden im Landkreis Verden, verschweigen jedoch, daß dies bloß ein Forschungsvorhaben als Versuchsfeld von 1 ha (!) darstellt. Dort soll in diesem Jahr ausprobiert werden, ob’s überhaupt mit der ackerbaulichen Parallelnutzung klappt und der Verheißung der hübschen Mähdrescher-Filmchen annähernd zu entsprechen vermag.
Bezuschußt wird die dortige Nummer mit 400.000 € aus dem Hause des Grünen Ministers Meyer, („Sonne & Wind statt Gas & Diktatoren“), also gewiß mit gutem Grunde aus dem Propaganda-Etat.

 

Wer die Lektüre der dem Esenser Bauausschuß vorgelegten aufgepumpten Projektkonzeption rezeptiv durchhält, könnte zu der Überzeugung gelangen, daß die Esenser und Stedesdorfer als Versuchskaninchen der bislang unterschlagenen Nebenwirkungen gelten dürfen – und die Ratsmitglieder als Versuchskaninchen einer professionellen Investmentstrategie, die Dorfpolitik mit rund 100-seitiger Wiederholungszermürbung zu überfordern, die sowieso bis zu Ende durchzulesen keiner von denen sich zumutet.

 

Zwischenzeitlich aber sammelt der Investor und Vorhabenträger schon mal Kapital, nicht ohne den wichtigen Hinweis:

Der Erwerb dieser Vermögensanlage ist mit erheblichen Risiken verbunden und kann zum vollständigen Verlust des eingesetzten Vermögens führen.

 

 

Die oben bezeichneten Nebenwirkungen werden im Zuge der Würdigung der Projektkonzeption und des Verlaufs der Bauausschußsitzung an dieser Stelle alsbald noch ausführlich dargestellt und beleuchtet.